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be partner

Kommunikationsbrücke:
Interview mit Jochen Müller

Jochen Müller war im dritten be partner-Trainingsdurchlauf für arbeitssuchende Menschen mit Höreinschränkungen als Honorarkraft zu Gast. In seinem Workshop sprach er mit den Teilnehmenden u.a. über Kommunikation und Selbstvertretung. Im Interview mit dem be partner-Team beantwortet er zusätzlich einige Fragen zum Thema.

Wie bist du zum Thema Schwerhörigkeit und Kommunikation gekommen und bist sogar soweit gegangen, die Firma „Die Kommunikationsbrücke“ zu gründen?

Schwerhörigkeit und Kommunikation begleiten uns das ganze Leben. Ich bin anfangs den gleichen Weg gegangen, wie alle anderen Schlappohren auch: die Kommunikationsschwierigkeiten machen einem Angst und Bange, man fühlt sich hilflos, verzweifelt, ist verunsichert. Weil wir nicht einfach weglaufen können, greifen wir unbewusst zu einem Hilfsmittel: die Verstecktaktik. Wir tun so, als ob wir hörend sind. Zum Beispiel wissen wir recht gut, bei welchem Gesichtsausdruck wir Ja oder Nein sagen müssen, es klappt erstaunlich gut!


Durch glückliche Umstände als Kind und Jugendlicher, insbesondere die Zeit in der Schwerhörigenschule, erlebte ich, wenn auch zunächst unbewusst, wie wichtig und nachhaltig der Kontakt mit Gleichbetroffenen für die seelische Gesundheit ist. Als junger Mensch mit den leidvollen Erfahrungen im Berufsleben habe ich schnell verstanden, dass wir für unseren Hörverlust und seine Folgen Verantwortung übernehmen müssen. Dadurch habe ich eine Menge Lernprozesse angestoßen, mit denen ich allmählich meine Abhängigkeit von wohlmeinenden Mitenschen lösen konnte. In diesem Rahmen entwickelte ich die Kommunikationstaktik. Kurz beschrieben ist sie eine Form des Stressmanagements, also was kann ich tun, um Hör- und Kommunikationsstress weitgehend zu reduzieren. Auf diese Weise wurde ich zum Gestalter und Moderator in der beeinträchtigten Kommunikation.


In meiner jahrzehntelangen ehrenamtlichen und beruflichen Arbeit mit Schlappohren entstand ein wunderbares Wir-Gefühl, dass mir unglaublich viel Kraft und Durchhaltevermögen geschenkt hat. Daraus entstand aus einem Gefühl der Dankbarkeit der Entschluss, die Firma „Die Kommunikationsbrücke“ ins Leben zu rufen.


Was sind deiner Ansicht nach typische Vorurteile gegenüber schwerhörigen Menschen?

Sicherlich gibt es Vorurteile gegenüber uns Schlappohren, wozu auch Witze über falsche Reaktionen von Betroffenen in der Kommunikation mit hörenden Menschen einen Beitrag leisten. Ich möchte das mit einem Zitat erklären: Vorurteile haben Vorteile, wenn einem Urteile schwerfallen.


Die Anwendung der Verstecktaktik produziert ein Verhalten, das hörende Menschen verunsichert, irritiert oder von ihnen als unangenehm empfunden wird. Sie fragen sich, ist das in Gänsefüßchen komische Verhalten eine Konsequenz des Hörverlustes oder handelt es sich um eine schwierige Persönlichkeit? Der Anblick der Hörsysteme und die ach so tolle Werbung über Hörgeräte, mittlerweile auch im TV und im Internet, forcieren die Bildung von Vorurteilen mangels konkreter Informationen unsererseits über die Auswirkungen des Hörverlustes.


Du sagst, schwerhörige Menschen stehen sich oft selbst im Weg. Wie meinst du das und was können schwerhörige Menschen tun, um ihre Kommunikation mit hörenden Menschen zu verbessern?

Das möchte ich bildlich erklären: mit der Anwendung der Verstecktaktik stellen wir uns schützend vor unseren Hörverlust, und nicht nur, denn auch der Mensch, der wir eigentlich sind, kommt nicht zum Vorschein. Zum einen weil wir für unsere Kommunikationsprobleme keine Lösungen haben, zum anderen, weil die Angst vor Zurückweisung, Diskriminierung, Bloßstellung uns umtreibt. Wir empfinden unseren Hörverlust als Schwäche, die wir nicht zugeben dürfen, aus vorgenannten Gründen.


Wer sich versteckt, der wird nicht gesehen, und wer nicht gesehen wird, der kann nicht verstanden werden. Es gilt also, den Weg einzuschlagen in einen Lernprozess, von der Passivität in die Aktivität mithilfe der Kommunikationstaktik. Das kann mitunter ein heftiger Lernprozess sein, der viel Zeit und vor allen Dingen positive Erfahrungen benötigt. Ohne positive Erfahrungen können wir kein Selbstbewusstsein aufbauen. Das umzusetzen, dazu noch völlig auf sich allein gestellt, ist eigentlich fast unmöglich. Doch er ist nach meinen Erfahrungen der einzige Weg.


Was können hörende Menschen tun, um besser mit schwerhörigen Menschen zu kommunizieren?

Eigentlich wenig, solange sie nicht konkret wissen, wie sie, ich betone, sich richtig verhalten sollen. Eigentlich sind unsere hörenden Mitmenschen die hilflosen Helfer, wie ich im Zusammenhang mit Vorurteilen erläutert habe. Sie benötigen klare Instruktionen von uns.


Mein Standardsatz: ‚Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass ich hörbehindert bin und vom Mund absehen muss. Bitte schauen Sie mich beim Sprechen an!


Ich sage also nachvollziehbar, was ich habe, was ich brauche und was sie tun müssen. Manche reagieren zunächst irritiert, distanziert oder leicht verunsichert. Dann frage ich sie, ob sie ein Problem mit meiner Information haben und das Ganze löst sich relativ schnell auf. Und warum? Weil ich sie auf ihr Unwohlsein angesprochen habe und es sich dadurch auflöste. Das nenne ich Win-win-Kommunikation.


Du arbeitest seit über 15 Jahren zur „Die Kommunikationsbrücke“. Was sind deine Vision und konkrete Pläne für die Zukunft?

Mein Vision kann ich an einem wunderschönen Begriff festmachen: Oase. Oase ist die Abkürzung von: Ohne Anstrengung Solidarität erleben.


Wie ich Eingang schon erwähnte, habe ich mit Beginn der Berufszeit durch den erneuten Kontakt mit Gleichbetroffenen den Weg mit Stress, Leid und Frustration verlassen hin zu einem Weg mit durchweg positiven Erfahrungen. Diesen Weg loslassen zu können, verdanke ich auch einem genialen Zitat: Ist die Welt, außer dir, nicht so, wie sie sein sollte, dann schaff dir selber eine Welt, die dich anlächelt.


Solidarität erleben, sich verstanden fühlen, unterstützt und aufgemuntert zu werden – all das ohne Anstrengung in der Kommunikation ist ein einmaliges und unglaublich stärkendes Erlebnis. Vor einigen Jahren habe ich ein Team gegründet, das Oase-Team. Unser Ziel lautet: wir wollen den Menschen, der einen Hörverlust hat, bewegen.


Wir sehen unsere Aufgabe darin, neben der medizinischen und technischen Versorgung ein drittes Standbein zu schaffen, die psychosoziale Versorgung. Sie soll den Menschen in den Fokus stellen, der sich mit seiner insbesondere beruflichen Kommunikationsproblematik allein gelassen fühlt. Unser Ziel: Stark als Mensch, stark in der Kommunikation!


Wie ich schon sagte, wir müssen von der Passivität in die Aktivität gehen. Mittlerweile sind wir dabei den ersten Schritt zu tun. Und zwar mit KOPF, HAND und FUSS. Mit einem ganzheitlichen Konzept wollen wir das vorgenannte dritte Standbein aufstellen. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung einer LearnApp, mit der Lernprozesse für die Bewältigung der Kommunikationsproblematik am Arbeitsplatz gestützt, begleitet und gefördert werden sollen. Das Konzept liegt derzeit als Förderantrag beim Arbeitsministerium vor.


Vielen Dank für deine Zeit und Ausführungen.

Gerne, hat mich sehr gefreut!

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